Der Fall Eva Hermandeutscher-buchmarkt.de, 1. 9. 2008 Sich der Causa Herman zu nähern als das, was sie ist, nämlich als exemplarisches Beispiel beflissen funktionierender Beißreflexe, gelingt zufriedenstellend nur, wenn man die Grundbedingungen psychologischer Reaktionsmuster einer Massengesellschaft kennt. Blättern wir also weit, weit zurück in den Lehrbüchern Le Bons und Clausewitz'. Das eine seziert die Massenseele und ihre Dompteure, das andere behandelt in einem Kapitel schlicht die List, seine Gegner die Irrtümer des Verstandes selbst begehen zu lassen. Jenes voluminöse Werk nennt sich Vom Kriege, Ersteres Psychologie der Massen. Und so wirkt Le Bons Zitat bestechend authentisch 'Die Masse ist der Spielball aller äußeren Reize, deren unaufhörlichen Wechsel sie widerspiegelt' und komplementär zu seiner Aussage: 'Die reine, einfache Behauptung ohne Begründung und jeden Beweis ist ein sicheres Mittel, um der Massenseele eine Idee einzuflößen. Je bestimmter eine Behauptung, je freier sie von Beweisen und Belegen ist, desto mehr Ehrfurcht erweckt sie.' In der Tat vollzieht sie dies in einer Endlosschleife. Weshalb aber? Weil die Masse jene hochleben läßt, die sie mit Behauptungen, Tabus und Euphemismen domptieren! So einfach etablieren sich Reaktionsmuster, die alsbald zu Beißreflexen mutieren, sobald und sofern ein Stichwortgeber vorhanden ist. Wäre es denn vorstellbar, daß durch diesen überhaupt eine Tribunalisierung stattfinden könnte ohne wonnig sekundierendes Publikum? Wäre es denn vorstellbar, daß Clausewitz ohne Widerhall bliebe, wenn nicht der Medien-Listige die Irrtümer des Verstandes sein Publikum selbst begehen ließe? Natürlich nicht. Coram publico läßt sich seit jeher nur etwas verkünden, und sei es noch so an den Haaren herbeigezogen, was auf Denkfaule, Naive oder Besessene trifft. In diesem Sinne ist (auch) mit der Causa Herman ein Fall fürs Gesinnungsproletariat herangereift, und zwar mit Hilfe jener Obsessionisten, die unter ihrem Himmel nichts außer dem infamen Kürzel p.c. gelten lassen - und deshalb zum Tribunal werden, um selbst dem Tribunal der Empörten zu entkommen. Daß Autor Arne Hoffmann alle Argumente auf seiner Seite und eine minutiöse Abrechung recherchiert hat, lobt die Aufklärung zwar um ihrer selbst willen; daß sie zum Meilenstein wird und mutige offizielle Streiter generiert, wird leider nicht zu vermuten sein. Was aber macht's? Die, die die Causa Herman ohnehin als Menetekel des Meinungs-Pluralismus begreifen, wehren sich ohnehin - durch Abkehr vom Tribunal. Sie inszenieren andernorts Widerstand. Der Politik bekommt es denkbar schlecht, das ist zu bemerken. Doch wird sich gesinnungsmäßig nichts Grundlegendes ändern wollen, aber es genügt schon, wenn die Inquisition zetert und brüllt und niemand hört hin. Fazit: Die Causa Herman dient nicht als Vexierbild für Erkenntnistheoretiker, sie ist leider praktischer Dreh- und Angelpunkt des Selbstverständnisses einer Gesellschaft. Und hier dürfen erhebliche Zweifel an der Aufrichtigkeit zahlreicher ihrer medialen Exponenten gehegt werden. Solche Zweifel sind de jure seltsamerweise noch nicht sanktionsbewehrt. Sie aus Selbstverteidigungsgründen vorausschauend faktisch begründbar zu machen, dient dieses Buch. Es ist daher uneingeschränkt zu empfehlen. |