Lichtschlag Bücher

Leseprobe: Der Fall Eva Herman

Kapitel 1 (Auszug)

Bevor man sich mit der Darstellung Eva Hermans in den Medien beschäftigt, sollte man ein oder zwei Dinge über den Hintergrund dieser Debatte wissen. Wer sie außerhalb ihres Kontextes betrachtet und sie auf eine Diskussion darüber reduziert, welche Begriffe aus der NS-Zeit heute benutzt werden dürfen, wird zu keinen sinnvollen Schlussfolgerungen gelangen.

Eva Herman steht seit vielen Jahren für eine Betrachtungsweise, die mit dem klassischen Feminismus nicht übereinstimmt, ja ihn an vielen Stellen scharf kritisiert. Das erste, was es hierzu zu wissen gilt, ist, dass wirklich pointierte und fundierte Kritik an der feministischen Ideologie, Kritik also, die über ein vorsichtiges Zurechtzupfen an den Rändern hinausgeht, bis heute stark tabuisiert ist. Ich führe das genauer in meinen Büchern „Sind Frauen bessere Menschen?“ und „Männerbeben“ aus und kann diesen Aspekt hier nur in aller Kürze anreißen.

Der Umgang mit Eva Herman ist kein singuläres, noch nie da gewesenes Phänomen. Generell werden gegen Kritiker der feministischen Ideologie zwei Hauptstrategien eingesetzt: Einschüchterung und Denunziation. Einschüchterung soll die Menschen davon abhalten, ihre Meinung zu sagen. Denunziation dient dem Zweck, dass den Menschen, die das dennoch tun, nicht zugehört wird. Es sind vor allem diese beiden Techniken, die zu dem Eindruck geführt haben, es gäbe an dieser Ideologie gar nichts zu kritisieren. Die Beispiele sind sehr vielfältig, ich nenne hier nur einige davon.

Esther Vilar: „Als Frauenhasserin, Reaktionärin, Faschistin wurde sie beschimpft“, berichtet die Autorin Ulla Rhan mehr als 30 Jahre später über Attacken, die Vilar in den frühen Siebzigern überstehen musste . „Hasstiraden, tätliche Angriffe, ja Morddro- hungen gehörten über Jahre hinweg für Esther Vilar zum Alltag. In der legendären Fernsehdiskussion, die unter dem Titel ‘Hennen-Hack-Duell’ in die Annalen der Geschichte eingehen sollte, zog Alice Schwarzer im Februar 1975 alle Register, um sie mundtot zu machen. Der Mann ist der Böse, die Frau ist die Gute. Dass das ein für alle Mal klar ist! Widerspruch gilt nicht!“ Unter anderem warf Schwarzer Vilar in dieser Fernsehdebatte vor, eine „Faschistin“ zu sein, wenn sie die Dinge anders als Schwarzer sehe. Vilar musste wegen der ständigen Anfeindungen schließlich aus Deutschland auswandern.

Warren Farrell: Der weltweit vermutlich einflussreichste Männer- und Väterrechtler wurde von Feministinnen und profeministischen Männern wie Michael Kimmel als Befürworter von Vergewaltigung und Inzest verleumdet. Seine früheren profeministischen Bücher wurden in Zeitungen besprochen und er durfte zu dieser Zeit noch in Fernsehsendungen erscheinen. Beides riss schlagartig ab, als er sich auch für die Rechte der Männer einsetzte. Immer mehr Zeitungen und Sender lehnten als Folge politischen Drucks Texte von ihm und Interviews mit ihm ab.

Neil Lyndon: Bis Dezember 1990 war Lyndon einer der bestbezahlten und angesehensten Journalisten Großbritanniens, schrieb für die „Times“, den „Independent“ und den „Evening Standard“. Dann veröffentlichte er einen Zeitungsartikel, in dem er eine wachsende Feindseligkeit gegenüber Männern in den Medien beklagte und zur Sprache brachte, dass die zunehmende Kontaktsperre vieler Väter zu ihren Kindern ein schwerwiegendes Problem darstelle. Darüber hinaus vertrat er die Thesen, dass nicht Mädchen, sondern Jungen in unseren Schulen benachteiligt würden und dass das Gesundheitssystem in Fragen wie der Krebsvorsorge nicht Frauen, sondern Männer vernachlässige. Da sein Artikel als Angriff auf die Grundlagen des Feminismus verstanden wurde und allgemeine Einigkeit darüber bestand, dass der Feminismus heilig war, wurde über Lyndon geurteilt, er müsse offensichtlich schwer psychisch gestört sein, moralisch verkommen, impotent, einen zu kleinen Penis haben oder nicht in der Lage sein, eine Frau zu finden. Lyndon war zu diesem Zeitpunkt glücklich verheiratet und hatte einen Sohn. Als er wenig später ein Buch zu demselben Thema herausbrachte, „No More Sex Wars“, erklärten AkademikerInnen, das Buch solle verbrannt und Lyndon erschossen werden. In erster Linie attackierten ihn Menschen, die das Buch nicht gelesen hatten. Ihm wurden Frauenfeindlichkeit und rechtes Gedankengut unterstellt. Infolge dieser ständigen öffentlichen Attacken zerbrach seine Ehe. Seine Frau wendete sich verstärkt dem Alkohol zu und beteiligte sich schließlich an den Angriffen auf ihren (inzwischen) Exmann. Sie erstritt sich das volle Sorgerecht für den Sohn. Unter anderem, indem sie dem Gericht Auszüge aus Lyndons lästerlichen Schriften präsentierte. Gleichzeitig wurde Lyndon beruflich und gesellschaftlich weiterhin ausgegrenzt und sein Einkommen fiel von mehreren tausend Pfund pro Monat auf mehrere hundert. Schließlich musste er Privatinsolvenz anmelden und sein Haus kam unter den Hammer.

Erin Pizzey: Pizzey, die Mitbegründerin des ersten Frauenhauses der Welt, problematisierte später, dass das Thema „häusliche Gewalt“ von Feministinnen gekapert wurde und wies darauf hin, dass aktuellen Studien zufolge die Hälfte der Opfer männlich sei. Sie konnte keine öffentlichen Reden mehr halten, ohne von Frauenrechtlerinnen niedergeschrien zu werden, und wurde das Opfer von Telefonterror sowie Morddrohungen gegen sie und Mitglieder ihrer Familie. Jemand schoss auf ihr Haus und brachte ihren Hund um. Schließlich flüchtete sie aus England nach New Mexico.

Susanne Steinmetz: Ihre Forschungen wiesen erstmals auf die hohe Rate männlicher Opfer bei häuslicher Gewalt hin. Sie und ihre Kinder wurden mit dem Tode bedroht. Bei dem Treffen einer Bürgerrechtsbewegung, bei dem sie sprechen sollte, ging eine Bombendrohung ein.

Professor Neil Gilbert: Gilbert erklärte die Messfehler in den Studien zweier Feministinnen, die fälschlicherweise behaupteten, jede vierte Frau sei bereits Opfer einer Vergewaltigung geworden. Es gab Protestdemos, bei denen Schilder mit den Worten „Tötet Neil Gilbert“ geschwenkt wurden.

Dr. Karin Jäckel: 1997 machte Jäckel mit ihrem Buch „Der gebrauchte Mann“ darauf aufmerksam, dass auch Männer Scheidungsopfer werden können. Im Jahr 2005 schaffte es dieses Thema auf die Titelseiten von „Focus“ und „Spiegel“. Ein knappes Jahrzehnt zuvor hatten Frauengruppen Dr. Jäckel noch Mord, Entführung und Brandschatzung angedroht. Buchhändlerinnen boykottierten ihre Werke oder erklärten auf Nachfrage fälschlich, sie seien vergriffen. Verlagslektorinnen ließen Manuskripte untergehen und Verträge platzen.

Ursula Enders: Enders ist die Gründerin und Vorsitzende der gegen sexuellen Missbrauch gerichteten Organisation „Zartbitter“. In der 2003 erschienenen Neuauflage ihres Buches „Zart war ich, bitter war’s“ beklagt sie, wie enorm schwierig es sei, in diesem Bereich weibliche Täterschaft zur Sprache zu bringen. „Die wenigen engagierten Frauen (und Männer), die schon Anfang der 90er Jahre ‘Frauen als Täterinnen’ zum Thema machten, wurden gemobbt.“ So sei ihrem Mitarbeiter Dirk Bange „Hass und Empörung“ entgegengeschlagen, als er dieses Tabu gebrochen habe. Ursula Enders: „Auch versteigen sich einige Dogmatikerinnen dazu, mich dafür zu beschimpfen, dass sie mangels Alternative einer vergleichbaren Forschung durch eine Frau dazu gezwungen sind, die Studien meines Kollegen zu zitieren. Fortan gelte ich in einigen Kreisen endgültig als ‘Verräterin an der Frauenbewegung’. Im Sommer 2000 spricht mich eine Fachfrau ganz unvermittelt darauf an, dass sie in den 90er Jahren öfter eine extrem hasserfüllte Stimmung im Publikum erlebt hat, sobald ich als Referentin das Wort Täterinnen auf Veranstaltungen nur ausgesprochen habe. Damit bestätigt die Fachkollegin die Berechtigung der von meinen Kolleginnen und Kollegen schon vor Jahren verordneten Schutzmaßnahme: Sie haben mir längst untersagt, ohne Begleitung eines kollegialen ‘Bodyguards’ auf überregionale Veranstaltungen zu fahren, damit ich in ‘Fachdiskussionen’ stets eine Unterstützung habe.“

Katharina Rutschky: Sie machte eine Hysterisierung in Zusammenhang mit sexuellem Missbrauch zum Thema (und wurde damit später von anderen Forschern und Publizisten bestätigt). Daraufhin erhielt sie Morddrohungen per Post, und auch wenn sie auf Veranstaltungen zu diesem Thema sprechen wollte, wurde sie körperlich bedroht („Für das, was du sagst, gehört dir die Fresse poliert!“), bis sie aus Todesangst um Hilfe zu schreien begann.

Auch ich selbst habe von feministischer Seite Versuche erlebt, meinen Ruf massiv zu beschädigen und mich beruflich zu vernichten. Meinem vergleichsweise geringen Bekanntheitsgrad verdanke ich, dass daraus kein Medienthema geworden ist.

Vermutlich werden diese Strategien der Einschüchterung und der Denunziation vielfach bereits zu einem so frühen Zeitpunkt eingesetzt, dass so mancher Kritiker der feministischen Ideologie damit gar nicht erst ein breites Publikum erreicht. So berichtet am 19. September 2007 das „Handelsblatt“ : „Kritiker der Gender-Ideologie haben an den Universitäten keine Chance, so dass eine von der Gender-Theorie unabhängige Geschlechterforschung fast nicht existiert. ‘Es läuft alles über die GenderGeldtöpfe. Wer sich nicht einklinkt, bleibt draußen’, sagt Susanne Kummer vom Institut für medizinische Anthropologie und Bioethik in Wien.

Wie streng die Sanktionen gegen Andersdenkende sind, erfuhr 2004 ein Professor an einer deutschen Universität, der in einem Essay Gender Mainstreaming als totalitäre Steigerung der Frauenpolitik bezeichnet hatte. Der Wissenschaftsminister untersagte ihm unter Androhung disziplinarischer und strafrechtlicher Konsequenzen, derartiges weiter zu publizieren. ‘Diskutieren wollte niemand, dagegen bekam ich anonyme Droh- und Schmähanrufe sowie soziale Distanzierungen und Ridikülisierungen’, sagt der Wissenschaftler, der anonym bleiben möchte.“

Eva Herman allerdings war als Sprecherin der „Tagesschau“ bereits eine Persönlichkeit des öffentlichen Lebens und insofern durch keinerlei Anonymität mehr geschützt. Was mit ihr passieren würde, war ab dem Moment vorhersehbar, als sie wider die feministische Ideologie das Wort ergriff.

Der zweite zentrale und häufig übergangene Aspekt bei dieser Debatte: Es ist einfach ein Irrwitz, wenn immer wieder der populäre Irrtum aufrechterhalten wird, Hermans Thesen bedienten vor allem geheime Wünsche der Männer nach einem Heimchen am Herd. Es gibt hierzu sogar ein satirisch gemeintes Buch mit dem bezeichnenden Titel „Super, Eva! Männer sagen Danke für eine neue Dämlichkeit.’’. Tatsächlich stößt Herman vor allem bei einer weiblichen Zielgruppe auf großen Zuspruch.

Schon in den 90er Jahren fragten sich viele Frauen, ob sie der Feminismus nicht extrem verladen hätte, indem er vor allem dazu führte, dass sie jetzt genauso schwer arbeiten mussten wie die Kerle. (Nun, nicht genauso, die wirklich zerschindenden Knochenjobs blieben ihnen weiterhin erspart, aber schlimm genug!) Das Wort „Emanzipationszweifel“ machte die Runde. Bücher wie Annette Hillebrands „Macht Arbeit Frauen wirklich glücklich?“ und Claudia Schreiners „Wenn Frauen zu viel arbeiten“ legten beredtes Zeugnis über diesen wachsenden Zweifel ab. Auch Eva Herman erhielt auf vielen Leserbriefseiten von weiblicher Stelle häufig Zustimmung für ihre Worte.

Frauen suchen nämlich noch immer vor allem den Ernährer, musste etwa der Bamberger Familienforscher Hans-Peter Blossfeld konstatieren, und die Soziologin Cornelia Koppetsch von der Berliner Humboldt-Universität sieht das als Grund dafür, dass Frauen vorwiegend Fächer wie Germanistik und Romanistik studieren: „Frauen erlauben sich eher eine Selbstverwirklichungsorientierung und den Luxus, in Bereiche zu gehen, die auf dem Arbeitsmarkt nicht so nachgefragt sind. Sie wissen, dass sie nicht eine Familie ernähren müssen – höchstens sich selbst.“ Als Folge dieser weiblichen Selbstverwirklichung geht regelmäßig das Geschrei um die angeblich so benachteiligten Frauen durch die Medien, und man wirft mit immer dickeren Geldbündeln nach ihnen, damit sie es in der Arbeitswelt so gemütlich wie möglich haben. Und trotzdem, so vermeldete am 27. Juni 2006 der Schweizer „Blick“, will einer wissenschaftlichen Umfrage von Forschern der Universität Genf zufolge fast jede zweite Frau „zurück an den Herd“.7 Mit diesem Ergebnis habe man nicht gerechnet, musste Professor Sandro Cattacin, der die Studie leitete, zugeben. Das ist verständlich; schließlich wurde man von den Medien tagaus, tagein nur mit der feministischen Weltanschauung versorgt – wiewohl schon Schwarzer-Vorbild Simone de Beauvoir forderte, Frauen sollten erst gar nicht das Recht erhalten, Hausfrau sein zu können, weil sonst vermutlich zu viele Frauen von diesem Recht Gebrauch machen würden. Cattacins Erklärung für das Ergebnis seiner Untersuchung: „Frauen sind auf dem Arbeitsmarkt zu Konkurrenten geworden, und die Gleichberechtigung stellt höhere Anforderungen an den einzelnen als die traditionelle Rollenteilung. Als Reaktion darauf gibt es eine Flucht zu einem romantischen Weltbild.“ Dem Meinungsforschungsinstitut Emnid zufolge erwarteten noch im Jahr 2003 70 Prozent aller Frauen zwischen 14 und 29 Jahren von ihrem Partner, dass er in der Lage sein sollte, den Unterhalt für beide alleine zu verdienen.

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